Interview mit Sofia L. vom 27.04.2019

Hallo Sofia, du hast uns angeschrieben, um uns deine persönliche Geschichte von erlebter Solidarität zu erzählen. Vielleicht vorab: Wie bist du denn auf unser Bündnis gekommen?

Ich bin über eine Aktivierungsmail von euch auf das Bündnis aufmerksam geworden. Ihr hattet eingeladen zum Vorbereitungstreffen zu kommen, da ich aber an diesem Tag nicht konnte, wollte ich die zweite Option wählen, meine persönliche Geschichte zu erzählen. Mir war es einfach wichtig den solidarischen Teil dieser Gesellschaft hervorzuheben und ich habe in dieser Option die beste Möglichkeit gesehen.

Sofia, erzähl doch mal, was genau dein Erlebnis in Sachen Solidarität war.

Nun, ich hatte vor längerem ganz schön Stress mit meiner Arbeit. Ich war unter anderem zuständig für eingehende Kundenbeschwerden und im Qualitätsmanagement tätig, habe aber auch die Schnittstelle vom Kollegium zur Unternehmensführung bedient. Bei den Kundenbeschwerden war die Abwicklung immer recht einfach gemacht. Anders sah es dann schon aus, als es darum ging Beschwerden bzw. Verbesserungen des Kollegiums an die Geschäftsleitung zu tragen.

Dabei kam es also zu den ersten Problemen?

Ja schon, es war immer, sagen wir mal, recht kompliziert. Die Mitarbeitenden sahen natürlich die ein oder andere Verbesserungsmöglichkeit in den Arbeitsabläufen und hatten natürlich praktische Ideen um ihren Arbeitsalltag zu erleichtern. Wenn dort dann von der Geschäftsführung der Nutzen nicht gesehen wurde, dann gab es immer Knatsch.

Bei welchem Thema ist die Sache denn eskaliert?

Eskaliert ist es beim Thema Sicherheit. Es ging um einen recht speziellen Auftrag bei dem im Angebot nicht berücksichtigt wurde, dass wir spezielle Sicherheitsbekleidung brauchten. Das war an sich ein kleiner Fehler, hatte aber eine große Wirkung. Die Kalkulation haute natürlich nicht mehr hin und somit wurde versucht zu kürzen. Jedoch lagen mir und meinem Kollegen die Sicherheit näher als der Profit und da ich im Einkauf tätig war, tätigte ich selbst diesen Schritt, da nach mehreren Gesprächsrunden einfach kein Einlenken der Geschäftsführung in Sicht war. Das war wahrscheinlich der Tropfen auf dem heißen Stein und ich erhielt meine Kündigung.

Der Tropfen auf dem heißen Stein? Was genau heißt das?

Naja, ich war jetzt nicht allzu beliebt bei der Leitung. Die Abteilung QM war eher so ein Arbeitskreis und keine feste Abteilung. Gegründet wurde sie aus der Belegschaft heraus und war der Geschäftsführung ein Dorn im Auge, scheinbar war das für sie eine Vorstufe zum Betriebsrat.

Wie ging es nach der Kündigung weiter?

Es ging auf verschiedenen Wegen weiter. Ich selbst war erst einmal überrascht, doch hatte dann schnell die Realität klar. Also auf zur Gewerkschaft und Kündigung prüfen lassen. Da wurde klar, die ist doch eher wacklig in ihrer Begründung, da ging es um Arbeitsschutz und darum, dass ich im Sinne des Gesetztes gehandelt habe. Außerdem hatte ich auch viele Kolleg*innen auf meiner Seite. Die hatten ja auf dem Schirm, dass ich mich immer ganz gut eingesetzt hatte für ihre Probleme und Befindlichkeiten. Als sie mitbekamen, dass ich in der Gewerkschaft bin, ging es dann fix, erstes gemeinsames Treffen mit Gewerkschaft und sympathisierendem Kollegium. Dazu kam dann noch, dass ich außerhalb meines Jobs im Nachbarschaftsnetzwerk aktiv war, dort gab es sofort Solidarisierungen und eine Kampagne wurde gestartet. Das lief alles recht parallel an. Zuerst gabes eine Kundgebung vor dem Eingang der Firma, die forderte die Aufhebung der Kündigung und informierte mit Handzetteln über die Sachlage. Mich hat überrascht, dass dort auch so viele Menschen auftauchten. Es gab innerhalb der Nachbarschaft anscheinend politisch aktive Menschen, die der Sache noch ein wenig mehr Nachdruck verliehen. Die Aktion kam sogar in die lokale Presse. Einen Tag später kam dann der Brief der Gewerkschaft ins Haus geflattert und ich hatte dann gleich noch ein Personalgespräch. Es gab noch kein Einlenken.

Wie reagierte denn dein Kollegium?

Sehr positiv im Großen und Ganzen. Einige waren natürlich um die eigene Gunst bei der Chefetage bemüht aber die meisten gingen zur Kundgebung. Da gab es Gespräche und einfach Austausch. Es entstanden Ideen und Netzwerke. So kam es zu einer weiteren Kundgebung vor der Tür und einer Kundgebung in der Zweigstelle außerhalb von Berlin. Es gab halt immer mehr Aufsehen und auch öffentlicheres Interesse an der Geschichte. Gekoppelt mit der Gewerkschaft, die dann schon angefangen hatte im Betrieb zu agieren, wuchs der Druck auf die Firma.

Wie wurde denn von der Gewerkschaft Druck gemacht?

Die einfachsten Mittel hatten da schon Wirkung. Der Betrieb ist verpflichtet eine Infotafel aufzuhängen wenn gewerkschaftliche Vertretung im Hause ist, dass wurde angezeigt und auch auf gehangen. Dann gab es einen Aushang mit einem Treffpunkt zum Infoabend auf dem gewerkschaftliche Arbeit im Betrieb angekündigt wurde.

Hat das schon gereicht um deine Forderungen zu erfüllen?

Nun, am Anfang ging es darum eine entsprechende Abfindung einzuklagen. Die Dynamik hatte aber ergeben, sogar den Rückzug der Kündigung zu erwirken. Nachdem ich dann schon nicht mehr im Betrieb war, startete der Auftrag wegen dem ich meinen Job verloren hatte. Als der erste Tag ran war, erklärten die eingesetzten Monteure, nicht zur Baustelle zu fahren, bevor die Kündigung nicht aufgehoben wird. Mit der Maßnahme solidarisierten sich andere Monteur*Innen und es entstand eine Art Flächenbrand, in dem gut 2/3 der Belegschaft von der Geschäftsführung forderten, meine Kündigung aufzuheben und ausgesprochene Abmahnungen an die zuerst streikenden Monteure zurück zu nehmen.

Habt ihr die Forderungen durch bekommen?

Ja schon. Also zum Teil jedenfalls. Es gab erneut eine Gesprächsrunde am Tisch. Chefetage und Betroffene saßen zusammen mit gewerkschaftlicher Vertretung und Schlichter am Tisch. Abmahnungen wurden zurückgenommen und ich selbst forderte die Wiedereinstellung mit anschließender Vertragsaufhebung. Mir ging es darum, dass ich mich nicht Schikanen aussetzten wollte, um mir psychischen Stress zu ersparen. So wurden 6 Monate ausgehandelt und eine entsprechende Abfindung.

Bist du im Nachhinein glücklich darüber wie es gelaufen ist?

Voll! Die entstandenen Netzwerke existieren noch heute. Es gibt regelmäßige Treffen und ich unterstütze noch immer die Kolleg*Innen die sich danach entschlossen, einen Betriebsrat zu gründen und in großer Zahl in die Gewerkschaft eingetreten sind. Seit dem hat sich einiges an ihrer Situation im Betrieb geändert. Der Weg ist zwar steinig gewesen und stieß auf viel Widerstand, aber die Leute haben durch gehalten und nach meinem Rückzug einen drauf gelegt, aber auch mir zu verstehen gegeben, dass sie dankbar für den Startschuss waren. Heute gibt es dort Tarifverträge für die Kolleg*innen und das Team steht entschlossener zusammen.

Danke Sofia!

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